Martin hat mir einen Abschiedskuss gegeben und mit drei Fremden im Zimmer gelassen.Ich bin der letzte Ankömmling im Zimmer: Ein schmaler Eingang mit Türen rechts – Toilette, und links – Dusche, führt zu einem Zimmer mit Regal und zwei Hochbetten. Oben rechts ist noch frei – das habe ich mir eh gewünscht. Ich beziehe mein Bett, sortiere die Klamotten ins Regal.

 

Es ist Satsang-Zeit. Alle Besucher/Bewohner des „Sivananda Ashram Yoga Camps“  versammeln sich zum gemeinsamen Meditieren und Singen im Tempel. Im Schneidersitz auf schwarzen Kissen und kleinen weißen Teppichen nehme ich Platz. Der junge Mann in Orange erzählt mir wie ich zu sitzen habe, konzentrieren soll ich mich aufs Herz oder auf den Punkt zwischen meinen Augenbrauen und für die nächste halbe Stunde stillsitzend OM mit meiner Atmung koordiniert mental wiederholen. OM OM … was mache ich hier? Probiere es – „Bring den Fokus wieder zurück, sollten die Gedanken …“ OM
Das Licht wird wieder aufgedreht. Wir können aus der Meditation erwachen. Das Gefühl fehl am Platz zu sein geht erst richtig los als 40 Menschen hin- und herschaukelnd Gottespreisungen in Sanskrit trällern. Das Leben ist zu kurz um diesen Moment nicht zu genießen. Also Kopf sei leise.
„Jaya Ganesha Jaya Ganesha Jaya Ganesha Pahimaam …“Jeden Tag für die nächsten 5 Monate ein und halb Stunden morgens um 6:00 Uhr und abends um 19:30 Uhr ist Satsang Zeit. Eine Zeremonie um uns zu Ehren wird abgehalten: die Initiierung. Wir werden einer nach dem anderen aufgerufen. „Tatjana Albrandt“ – ich stehe auf, verbeuge mich vor den Meistern und dann Krishna, dessen Statue im Zentrum des Tempels steht. Jetzt richte ich meinen Blick zu der Dame in Orange, verbeuge mich vor ihr und setzte mich im Schneidersitz vor sie. Ich sehe wie sich ihre Lippen bewegen. Sie tupft mit dem Finger in die graue Paste, streckt ihre Hand mir entgegen und verteilt die Paste auf meiner Stirn. Weiter geht es mit der gelben und roten Farbe, die ebenfalls auf meiner Stirn landen. Beide Hände ausstreckend nehme ich meine Uniform – 2x gelbe Shirts und 2x paar weiße Hosen, entgegen sowie mein Lehrbuch plus Yoga-Schultasche. Jetzt bin ich in der „Gurukula System“ aufgenommen worden.

 

Die Ausbildung zur Yoga-Lehrerin hat begonnen. Nach dem morgendlichen Satsang geht es zur ersten Hatha-Yoga-Stunde. Es hagelt Korrekturen zur Praxis. Die konsequente Visnu-devanada-Folge ist jederzeit einzuhalten. Für einen besseren Energiefluss muss ich beide Hände flach auf die Matte bringen beim Sonnengruß. Diese kleinen Umstellungen in der eigenen Praxis fordern meine Konzentration.

Um 10 Uhr geht es zum vegan/vegetarischen ohne Zwiebeln oder Knoblauch Brunch. Suppe, Gemüse, Getreide, Mandelmilch und Erdnussbutterbrot werden zu meinen Brunchgenossen. Hier lässt sich gut speisen.

Es geht weiter zur Kirtan(Gesangsbuch)-Stunde. Shanrika, eine 60-jährige Dame mit rundem Gesicht und grauem langen Haar, watschelt an unseren im Tempel aufgebauten Klapptischchen vorbei. Sie setzt sich auf das Podest. Wir sprechen gemeinsam das „Gajananam“, dass uns beschützen soll während der Lehre. Wir erfahren wieso wir singen: So werden Emotionen umgewandelt in Hingabe. Mit offenem Herzen muss gesungen werden.

Bis zum nächsten Unterricht habe ich eine Stunde. Ein Spaziergang zum Hügeltempel hört sich nach einer guten Möglichkeit an um frische Luft zu schnappen – 108 Stufen 😉 ich weiß nicht wie viele. Morgen wird gezählt.

Weiter geht es zum Philosophie-Unterricht. Swami Rajeshvari, die mir am Abend zuvor Farbe auf die Stirn schmierte, betritt den Tempel. Sie ist eine kleine, dunkelhaarige Mexikanerin, die in Italien im Sivananda Ashram lebt. Sie ist angereist um uns zu belehren. In der ersten Stunde klärt sie wer eigentlich dieser Sivananda ist nach dem so viele Ashrams weltweit benannt sind.
Sivananda ist 1887 in Indien geboren. Als Arzt ausgebildet wandert er zunächste nach Malaysia aus um dort als Mediziner zu arbeiten. Immer mehr stellt er fest, dass die Heilung von Krankheiten nicht rein medizinische gelöst werden kann. Er begibt sich auf die Suche nach einem ganzheitlichen Konzept. Hierfür kehrt er nach Indien zurück. Er verbringt als wandelnder Mönch ein Jahr in den Himalayas wo er seinen Guru findet. Mit seinem Wissen begeistert er bald die Massen und findet Anhänger der Vedanta Lehre. Zur gleichen Zeit wird ein Grundstück in Rischikesch frei. Er beschließt die „Divine Life Society“ zu gründen. Er inspirierte tausende von Menschen mit seinen Lehren. Er schrieb über 200 Bücher, die er im Ashram druckte. Anschließend verteilte er diese Bücher auf den Straßen um sein Wissen mit der Welt zu teilen.

 

Die folgende Yoga-Stunde wird auf english/französisch unterrichtet – 2 Stunden. Meine Hüften sind steif. Ab jetzt stehen hüftöffnende Übungen auf dem Speiseplan. Ansonsten wird das nie was mit dem bequemen sitzen während der Meditation.

Zum Abendessen gibt es saftige Pizza. Das ist Swami Vishnu-devanadas, der Gründer meines Ashrams, Lieblingsessen.

Nachdem Abendessen beginnt mein Karma Yoga, mein selbstloser Dienst – Geschirr abtrocknen. Das wurde mir von Ben unserem Koch zugeteilt. Anna aus Toronto, eigentlich Ukraine, und ich sind Handtuch-Freunde und schnattern auf Russisch während des Polierens von den Schüsseln.

Jetzt geht es wieder zum Satsang. Der Tag neigt sich dem Ende: Gute Nacht!

OM, Tatjana

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