Bison, Bären, Moose, Living Skies sowie die unendlichen Weiten satter Felder beschreiben dieses Land. Wir haben uns auf einer Farm niedergelassen um Land und Leute kennenzulernen.

Zwischen den Großen Seen und den Rocky Mountains liegen noch 2000 km Prärie-Landschaft. Die wenigsten verweilen auf ihrer Reise durch Kanada lange in der Prärie. Für uns zwei Städter wird das Landleben zu einer spannenden Erfahrung. Wir verweilen und lernen die Bauern, das Land und die 5-Häuser Gemeinden lieben. Nur wer den Highway verlässt, wird das Erfahren können, was die Prärie zu bieten hat.
Bisonherden, Moose, Elche oder Bären, die sich versuchen hinter den Hecken in den weiten Feldern zu verstecken. Wir stehen in verlassenen Geisterstädten, besuchen die Hutterites – eine autonome Kolonie im Wandel und laufen auf der unberührten Graslandschaften wie zur Zeiten der ersten Siedler.
Und wer hochguckt wird den Himmel entdecken mit den Weiten über den Feldern. Weit lässt sich blicken. Jeden Abend können wir uns nicht an dem Farbspektakel der untergehenden Sonne satt sehen. Vor allem im Frühjahr ist es unbeschreiblich, wenn die Nordlichter in der Nacht vorbeiziehen. Nicht umsonst lautet der Slogan die Prärie Living Skies.

 

Es ist beinahe so, wie ihr es euch vorstellt: Langgestreckte Landflächen geteilt durch wechselnde Farben, die Reisende für eine ganze Weile begleiten. Ein feines Farbspektrum wechselt nur langsam vom satten Grün der Wiesen und jungen Weizenkeimen, zu grellen Gelb der Senf- und Rapsfelder hin zum Violett der Leinsamenfelder. Im Spätsommer erstrahlt dieses Land golden, wenn die Weizenfelder kurz vor der Ernte stehen. Nur das der Himmel einen so packt, damit habe ich nicht gerechnet. Es ist eine weite Kulisse, die Platz bietet. Und es ist das Herz der Lebensmittelversorgung Kanadas! Wusstet ihr das 30 % des weltweit exportierten Senfs aus der Prärie Kanadas kommt? Oder das der französische Dijon-Senf aus Saskatchewan kommt?

 

Aber eins nach dem anderen. Unser erstes Ziel in Saskatchewan ist Saskatoon, eine der größeren Städte mitten in der Prärie. Sie ist bunt, Downtown ist immer etwas los und die alte Holzbrücke ist ein Erlebnis – Mir Schlottern die Beine beim Passieren.
Wir durchstreifen die Stadt, die am südlichen Saskatchewan Fluss liegt. Es ist ein ruhiger Tag, Familien spazieren am Fluss, ein paar Studenten streunen auf dem Unigelände. Wir erreichen die Stadt. Wir schlendern durch den Stadtkern, entdecken ein paar interessante Fleckchen, spazieren mit schlotternden Knien über die alte Bahnbrücke aus Holz, halten unsere Füße in den Fluss und spazieren entlang des Ufers Richtung Essensfestival, wo wir Senfkörner geschenkt bekommen. Check! Danke Tara für die Möglichkeit die Stadt so zu erleben.

 

Für den nächsten Tag steht eine Fahrradtour zum Nahe gelegenen Wanuskewin Heritage Park an. Hier ist der Schauplatz, ein altes Indianerlager und die umliegenden Klippen, über welche die Bison getrieben wurden. Ein nettes Museum mit coolem Giftshop sowie Spazierwegen durch die Geschichte der Jäger.

 

Dann geht es 80 km südlich auf eine Farm mitten in den Raps- und Senffeldern der Prärie! Die Weiten des Landes reichen bis zum Horizont – alles flach, super flach. Unterteilt wird das Land nur durch ein rechteckiges Muster aus Straßen – 90 % Schotter. Jede Meile verläuft eine Straße von Nord nach Süd sowie alle zwei Meilen von Ost nach West. Diese Einteilung hat ihren Ursprung im späten 19. Jahrhundert, als das Land für die landwirtschaftliche Nutzung kartografiert und in 2,67 km² Stücke aufgeteilt sowie besiedelt wurde. Dabei wurde beschlossen, dass jede Meile eine Straße abgehen muss.
Wir besuchen hier neu gewonnene Freunde, hauptsächlich Ian, den wir in Newfoundland kennengelernt haben. Auf der Farm der Familie McPhadden wollen wir das Landleben kennenlernen. Dazu gehört Arbeit auf dem Dach, Rasen mähen mit dem Zero-Turn – geiles Teil. Das kann sich um seine eigene Achse drehen. Das Rasen mähen, übernehme ich gerne. Wenn jemand auf der Suche ist, ich komm vorbei.

 

Ian nimmt uns mit auf einen Ausflug in die Umgebung und gibt uns einen Einblick in das Leben von damals und heute. Wir sehen unberührte Landstriche, die heute meist zum Grasen von Vieh verwendet werden, da sich heutzutage selten jemand die Mühe machen will die unzähligen Steine und Felsen von den Feldern zu entfernen, um das Land mechanisch für die Landwirtschaft zu bearbeiten. Uns freut’s!
Wir sehen Geisterstädte der Siedlung, die nach den damaligen Vorgaben alle 6 Meilen voneinander entfernt, errichtet wurden mit einem Kornspeicher an den Bahnschienen. Um den Liefer weg für den Bauern mit Pferd zu den Sammelstellen und zur Bahnlinie gering zu halten. Denn die sechs Meilen sind eine Distanz, die mit dem Pferd an einem Tag in beide Richtungen bewältigt werden konnte. Jetzt existiert der Schienenverkehr nicht mehr. Der Transport erfolgt mit LKWs. Somit sind die kleinen Gemeinden an den Schienen meist nur noch leerstehende Häuserfassaden. Selbst die, die einst bleiben wollten, wurden zum Umziehen gezwungen, oder einziehen wollen, können es nicht. Die Wasserversorgung ist zu aufwendig für den Staat – Kanadas Herausforderung, das Überbrücken von Distanzen für die Versorgung mit Wasser und Elektrizität. So laufen wir durch das ehemalige Bounty und unser Gastgeber kann uns die Namen, der Familien nennen, die vor nicht allzu langer Zeit diese Häuser bewohnten. Schöne Kulissen!

Unvorstellbar, wir sehen hier sogar mehr Wildtiere, als im letzten Nationalpark. Drei Elche springen durch die Felder. Sie sehen aus wie hoppelnde Hasen. Ein Moose watschelt von einem Waldfleckchen zum Nächsten und auf einem anderen Feld grasen Bison.

 

Absolut cool ist, wir treffen die Hutterites. Die Hutterites leben in Gemeinschaften, den Bruderhöfen bzw. Kolonien in der Prärie Kanadas. In einer Kolonie leben und arbeiten 15 Familien, wo sie Felder bewirtschaften, Kühe melken und Hühnern die Köpfe abschlagen.

Wir kriegen eine Einladung zum Besuch einer der Gemeinschaften. Unser Freund, Ian hat Freunde in der Kolonie und schaut öfters vorbei um Lebensmittel aufzustocken. Auf zur Kolonie. Ich bin erstaunt wie unser Freund sich hier orientiert bei welchem Feld er links oder rechts abbiegen muss, um ans Ziel zu kommen – dazu muss man hier aufwachsen. Beim Feld von Mister Lenny links und 18 Felder weiter rechts … Am Horizont wird ein Zeichen von Zivilisation sichtbar, dass muss es sein. Wir biegen in die Siedlung ein. Rechts sind drei Hallen und unzählige Silos, links ist ein Häuserblock mit 15 Eingängen. Hinter einer der Türen warten Mary und Josef mit ihren drei Kindern auf uns.
Da geht eine der Türen auf, dort stehen sie am Treppenabsatz in ihren Trachten. Josef mit langer dunkler Hose, weißem Hemd, Bart, Hosenträgern streckt uns die Hand entgegen zur Begrüßung. Mary in ihrer Tracht mit weißer Rüschenbluse, langem Rock, Haube und ihren zwei Töchtern, die ihre Köpfe an ihr vorbeiquetschen um einen Blick zu erhaschen auf den Besuch, begrüßt uns. Wir brennen vor Neugierde, das Gelände zu erkunden und mehr über den isolierten Lebensstil der Hutterites zu erfahren. Josef führt uns zu der Erbsenverarbeitung, die in einer der Produktionshallen auf der linken Seite vonstattengeht. Das halbe Dorf ist anwesend und packt an beim Sortieren. Der Rest, die Älteren der Gemeinschaft machen es sich vor dem Haus neben dem Blumenbeet, das seit kurzem toleriert wird, gemütlich. Wir ziehen weiter zu den Kühen, Kälbern und der Melkanlage mit automatischer Erkennung der Zitzen – Ian kommentiert, es ist der neuste Standard. Künstliche Befruchtung ist hier nicht erlaubt, das ist zu unnatürlich. Die Kostprobe der Sahne wird zu einer Geschmacksexplosion. Ich habe noch nie so leckere Sahne gegessen. Als Nächstes geht es zu einer weiteren Verköstigung. Mary ist der Chefkoch der Kolonie. Niemand muss hier kochen außer Mary. Das bedeutet täglich drei Mahlzeiten für rund 80 Personen zaubern. Ein interessanter Fakt, die Hutterites sitzen beim Essen nach Alter sortiert an den Tischen. Als Gäste müssten wir uns einordnen. Zurück in der Küche entdecken wir die neusten highend Öfen, in die Mary ihre Zubereitungsweise einprogrammiert hat. Damit lässt sich einkochen oder dampfgaren und am Ende reinigt sich der Ofen selbst. Ich hoffe, dass diese Modelle bald für alle zugänglich sind. Mary hat selbstgemachtes Schokoeis und Kekse zur Verköstigung für uns – jetzt hat sie uns.

Josef lädt ein ins Haus zu gehen. Bei einem Gläschen selbstgebrautem Rhabarberwein können wir sie zu ihrem Lebensstil Ausfragen. Es ist ein gemeinschaftlicher Lebensstil, der den biblischen Lehren von Jesus folgt. Im mittelalterlichen Europa wurden sie verfolgt, so packten sie ihre Bibeln ins Boot und flohen nach Kanada. Seit einigen Jahren beginnen die Gemeinschaften sich zu öffnen für Veränderungen. Es gibt Telefone, Internetanschluss, die Teens haben Handys, die Wohnungen Kühlschränke und persönliche Gegenstände. Ein großer Wandel für die Kommunen mit einheitlichem Aufbau von Wohnräumen und Verwaltung von den Ältesten, Männern. So bekommt jeder Bewohner einmal im Jahr ein paar Schuhe, eine Stoffbahn zum Nähen der Kleidung bewilligt sowie oft auch etwas Schnickschnack für die Ausstattung der Wohnräume. Eigentlich hat hier niemand Eigentum oder Geld, da alles von den Ältesten verwaltet wird. Aber die Kids dürfen Geld beim verkauf Keksen, angebautem Gemüse oder anderen Dienstleistungen entgegennehmen und als ihr eigenes Betrachten, sofern sie noch nicht babtisiert wurden (verheiratet). So arbeitet, der Sohnemann bei den Nachbarn als Rasenmähboy und gönnt sich das iPhone. Die Töchter verkaufen Plätzchen und kaufen sich Parfüms. Außerdem kriegt die Familie hin und wieder Geschenke von Freunden außerhalb der Kolonie.

Zu unserem Erstaunen lebt der älteste Sohn der Familie in Saskatoon und macht Kohle auf den Ölfeldern in Alberta. Ein Trend unter jungen Hutterites ist es die Kolonie für einen Zeitraum zu verlassen, was gegen die Tradition sowie den Glauben/Gesetzte ist und nicht gern gesehen wird. Die meisten sind schnell abgeschreckt von der Außenwelt. Diese ist eine riesige Herausforderung, wenn du 3-mal täglich das Essen auf den Tisch gestellt bekommen hast, immer ein Dach über dem Kopf hattest, wofür du keine Miete zahlst, geschweige den je Geld in der Hand hattest und deine Tagesaufgabe stets definiert war von der Gemeinschaft. Aber ihr Sohn lebt schon seit 3 Jahren außerhalb der Kolonie. Er plant bald zurückzukommen. Mary kann es kaum erwarten. Denn sollte er außerhalb der Kolonie heiraten, darf er nie wieder zurückkommen. Sie erzählt, dass sie täglich mit ihm spricht. Es wird Abend und die Familie muss morgens um 5 Uhr aufstehen. Wir ziehen mit Kekstüten ab.

Und weil wir so gut gefüttert wurden, kommen wir zwei Tage später wieder. Die Gastfreundlichkeit und unsere Neugierde drängen uns zum Freunde werden. Beim nächsten Besuch erkunden die Werkstätten und schlemmen Zwergkartoffeln mit Böhnchen und Doublejockers sowie Rhababarkuchen.
Für die Farmarbeit verfügen sie über die neusten Traktoren. Wer besorgt und informiert sich über die aktuellsten Geräte der Branche? Jeder der Bewohner in der Kolonie hat eine bestimmte Aufgabe, bestimmt von den Ältesten. So wurde Mary zur Küchenchefin bestimmt und Josef zum Arbeiter in der Metallwerkstatt. Als Zuständiger für die Metallwerkstatt, ist er der Beauftragte, der prüft, ob es sich lohnt Schrauben extern einzukaufen oder herzustellen. Außerdem muss er sich mit den Metallgeräten der Kolonie auseinandersetzen sowie den Geräten für die Arbeit mit dem Metall. Dafür wird er freigesprochen von allen anderen Verpflichtungen wie dem Haushalt, Kochen, Farmarbeit.

Für die schulpflichtigen Kinder kommt ein Lehrer von außerhalb und unterrichtet in der Gemeinschaft, die Jahrgänge 1–4 und 5–8. Ab der achten Klasse sind die Jugendlichen nicht mehr schulpflichtig. Sie geben ihre schulische Laufbahn auf und beginnen ihre Karriere in der Kolonie. Einzigartig macht unseren Besuch hier auch der Einblick in eine Hutterites Kolonie.

 

Abgerundet wird unser Aufenthalt auf der Farm durch den Ausflug zum Diefenbaker See. Ian hat ein Motorboot, Wasserski und ein Donut. Was für ein Ritt auf dem Wasser und ein unglaublicher Tag. Vielen Dank Ian, die Zeit mit dir auf der Farm war großartig.
Es muss ein Traum sein hier Ende August durchzufahren, wenn die grünen Weizenfelder sich zum Gold der Prärie färben. Etwas, das wir gerne einmal sehen würden.

 

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